Veronika lebt

Ich nehme mir vor, täglich zu schreiben (jetzt aber wirklich) und was dabei heraus kommt ist, dass ich gar nicht mehr schreibe. Das ist Selbstboykott höchster Stufe. Ja, ich habe eindeutig Angst vor Erfolg. Ich könnte ja reich und berühmt werden, alles würde sich verändern, ich wäre nicht mehr die, die ich jetzt bin (was wäre daran so schlimm, es gibt noch Luft nach oben).

Echt, was ist bloß los? Okay, die Leute verreisen wieder wie bescheuert. Aber wenn ich mal zwischendurch Zeit habe, dann mach ich eindeutig andere Sachen. Meistens passive Sachen, bei denen man sich nicht bewegen muss. Jeden Tag mein Qi Gong zu machen habe ich auch nur zwei Tage geschafft. Warum? Was ist das für eine Krankheit? Keine Lust? Egalität? Fauleritis? Möchte ich wirklich, dass alles so bleibt, wie es jetzt ist?

Oft stelle ich mir vor, wie mein Leben sich verändern würde, wenn ich mehr Geld hätte. Geld, für das ich nicht so hart arbeiten muss. Aber schreiben und Qi Gong machen, das funktioniert ohne Geld. Ich hab alles dafür da, was ich brauche. Ich hab nur zu viel Stress, aber dafür bewege ich mich wenigstens bei der Arbeit. Ein zweiter Lockdown würde aber auch Stress bedeuten, zum Beispiel Existenzangst. Wenn die Firma, meine einzige Einnahmequelle, zumacht, dann muss ich mich wieder bewerben gehen. Und wir wissen ja alle, wie das war.

Immerhin hatte ich zwei bis drei entscheidende Momente der Inspiration und hab alles aufgeschrieben. Immerhin. Ich habe drei Seiten von einem ganz neuen Anfang geschrieben. Realistischer. Denn bisher sind die Figuren so leer, wie nur irgendwas. Ich habe nie wirklich überlegt, wie jemand, der so ist, wie meine Hauptperson, wirklich auf diese Umgebung reagieren würde, die ich kreiert habe. Mir ist bewusst geworden, wie wenig mein Gehirn das, was ich weiß, umsetzen kann.

Ihre Mutter sagt ihr, dass sie eine Mutantin ist, was sie schon wusste. Aber was sie nicht wusste ist, dass sie das nur ist, weil die Mutter es so wollte. Wird man da nicht sauer? Ist man nicht enttäuscht, wenn die einzige Bezugsperson einem eröffnet, sie sei Urheber des Ganzen? Was denkt eine Person dann? Was macht sie dann? Einfach weiter demütig den Fußboden schrubben und alles tun, was man ihr sagt? Nein, sie fordert Antworten. Und nur, weil sie diese Antworten will, geht sie dahin.

Selbst ich mit meinem Rückgrat aus weichem Gummischwamm mach nicht alles, was man mir sagt, Warum sollte sie das tun? Leute verhalten sich in der Geschichte zu oft wie willenlose, emotional abgestumpfte Zombies. Sie werden nie glaubhaft sauer, traurig oder frustriert. Ich lasse die Figuren nicht ihr eigenes Leben leben. Sie sind leblos. Aber nicht, weil sie nicht real sind, sondern weil ich sie so sein lasse. Ich zwinge sie dazu.

Veronika lebt. Sie lebt ihr Leben in meinem Unterbewusstsein. Ich sehe manchmal Szenen aus ihren Leben. Ich muss nur aufmerksam sein und entscheiden, was ich davon aufschreibe. Natürlich nicht die sinnlosen und unwichtigen Erlebnisse. Der rote Faden bestimmt das. Ich muss ihre Erlebnisse so raus schreiben, dass es zu einer guten Geschichte wird. Damit die Leute sehen, was mit ihr passiert ist, in konzentrierter Form. Damit sie sehen, wer sie wirklich ist. Die Szenen, die mir bewusst werden, sind die wichtigen Szenen und nicht, was ich automatisch schreibe, ohne nachzudenken, wenn ich mich hinsetze und tatsächlich mal mache, was ich mir vorgenommen habe. Das sind oft nur leere Worte.

Darum ist die Inspiration so wichtig.

Darum ist es wichtig, zwischendurch nachzudenken.

Darum ist es wichtig, jede Inspiration gleich zu notieren.

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